Idol und Ideal

Den Tod aus dem Dorfe tragen

»We carry Death out of the Village«

Obwohl eher keinem großen Publikum bekannt, genießt der 1973 entstandene Film »The Wicker Man« Kultstatus unter seinen Anhängern, nicht zuletzt aufgrund der dargestellten neu-heidnischen Dorfgemeinschaft. Die für den christlichen Hauptcharakter des Filmes befremdlich anmutenden Riten dieser Gemeinschaft machen den Reiz des Filmes aus, sicherlich auch daher, daß die dargestellten Rituale nicht der Phantasie eines Drehbuchautors, sondern der reichen heidnischen Tradition Europas entspringen. Ein solches, das nur am Rande vorkommt, ist heute kaum noch bekannt siehe zum Beispiel hier oder dort in musischer Weise; jeweils mit Sample aus dem erwähnten Filmund als oft nur als Filmzitat rezipiert: Der Austrieb des Todes aus dem Dorfe.

Das Ritual kann an vielen Orten belegt werden, hauptsächlich in den ehemals slawischen Teilen Deutschlandsaber in abgewandelter Form auch in Bayern und dem alemannischen Sprachraum, in Polen, in Böhmen. Sein Ablauf wird von Sir James Frazer in seinem Opus Magnum The Golden Bough vielfach beschrieben, typisch ist folgender Abschnitt:

In the villages near Erlangen, when the fourth Sunday in Lent came around, the peasant girls used to dress themselves in all their finery with flowers in their hair. Thus attired they repaired to the neighbouring town, carrying puppets which were adorned with leaves and covered with white cloths. These they took from house to house in pairs, stopping at every door where they expected to receive something, and singing a few lines in which they announced that it was Mid-Lent and that they were about to throw Death into the water. When they had collected some trifling gratuities they went to the river Regnitz and flung the puppets representing Death into the stream. This was done to ensure a fruitful and prosperous year; further, it was considered a safeguard against pestilence and sudden death. At Nuremberg girls of seven to eighteen years of age go through the streets bearing a little open coffin, in which is a doll hidden under a shroud. Others carry a beech branch, with an apple fastened to it for a head, in an open box. They sing, “We carry Death into the water, it is well,” or “We carry Death into the water, carry him in and out again.”
In den Dörfern im Raum Erlangen war es in der Zeit um den Rosensonntag herum für Bauernmädchen üblich, sich in Schale zu werfen und die Haare mit Blumen zu schmücken. So aufgeputzt begaben sie sich in die nahe Stadt, mit ihnen durch Blätter ausstaffierte und in weißes Leinen gehüllte Puppen führend. Diese trugen sie paarweise von Haustür zu Haustür und präsentierten sie den öffnenden Bewohnern, in der Erwartung, eine Kleinigkeit zu erhalten. An jeder Tür sangen sie einige Zeilen darüber, dass Mittfasten überschritten sei und sie auf Weg seien, den Tod ins Wasser zu werfen. Nachdem sie etwas Tand erhalten hatten, zogen sie zum Flusse Regnitz und schleuderten die den Tod repräsentierenden Puppen in den Wasserlauf. Dies sollte das Kommen eines Jahres der Fruchtbarkeit und des Wohlstandes und darüber hinaus eine Absicherung gegen Seuchen und plötzlichen Tod sicherstellen. In Nürnberg prozessieren Mädchen zwischen sieben und achtzehn Jahren durch die Straßen und tragen dabei einen kleinen, offenen Sarg, darin eine von einem Leichentuch verhüllte Puppe. Andere Mädchen tragen eine offene Schachtel mit einen Buchenzweig darin, an dem ein einen Kopf darstellenden Apfel befestigt ist. Alle singen: „Wir tragen den Tod ins Wasser, alles ist gut!“ oder „Wir tragen den Tod ins Wasser, tragen ihn hinein und wieder hinaus.“

Sir James George Frazer (1854–1941): The Golden Bough (1922) – Übersetzung durch den Autor

Zusammenfassend: Alle Kinder oder nur die Mädchen des Dorfes ziehen am Rosensonntag mit einem Todesidol aus ihrem Heimatort aus, präsentieren dabei den Tod ihren Mitmenschen, die eher zurückhalten bleiben. Zuletzt wird das Idol vernichtet, zumeist durch das Ertränken in Wasser. Dies leitet das Ende des Winters ein.

Das Wasser-Mysterium

Wasser: Kein Stoff steht mehr für das Leben. Gerade das süße Wasser der Flüsse ist Grundlage des reichen Lebens um sie herum ebenso wie für den Reichtum der Felder und der sie Bewirtschaftenden. Gerade die Regnitz, deren klare Wasser in halb Franken durch Schöpfräder schon seit Jahrhunderten des Menschens Gärten speisen und vor Dürre und Tod bewahren muß auch ihren Anrainern auch schon im 17. und 18. Jahrhundert bekannt gewesen sein, als der Brauch des Todesaustrieb – laut Frazers Quellen – noch rege betrieben wurde.

Die Schilderungen des Ritual nennen nicht nur Blumen, Mädchen, Särge, Effegien, BuchenzweigeBuchen werden im Allgemeinen mit Müttern und Schutz assoziiert, vergleiche auch das bekannte zaubrische Sprichwort Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen, das Schutz vor Blitzschlag unter Buchen verspricht, Äpfel; später auch Bastarde, die Alte Fraudie Alte Frau, auch Marzana genannt, ist eine polnische Todesdämonin/-göttin, Milch, Scheiterhaufen, Eier, immer wieder aber auch Gewässer. All diese Details sind symbolisch aufgeladen, sie assoziieren die Mädchen, die das Ritual zumeist durchführen, mit Frühling, Fruchtbarkeit und Wiedergeburt; die den Tod repräsentierenden Idole werden so ihrem Ideal zugeordnet, personifizieren den Tod und binden ihn in stofflichen Welt.

GEBURT Blumen, Eier, Milch, Apfel, Buchenzweig, Bastarde
TOD Scheiterhaufen, Sarg, Alte Frau, Gewässer?

Als Ort, an dem das Ritual endet und der Tod selbst getötet und bestattet wird, ist meist ein Gewässer genannt. Das Wasser wird damit stark mit dem Tod assoziiert. Anders als das Alter, Särge und Feuer ist schwer zu verstehen, warum gerade Flüsse und Seen mit dem Tod in Verbindung gebracht werden. Ist es das Ertrinken? Wohl kaum, denn das Schwimmen galt nicht nur als ritterliche Tugend, sondern war schon bei den Bürgern Roms die Römer verwehrten Zugang zu dieser Kulturtechnik jedoch ihren Schiffssklaven, damit diese unter keinen Umständen das Schff auf See verlassen würden; eine Paralelle zu den amerikanischen Sklavenhaltern und -sklaven und den Germanen eine beliebte und positiv besetzte Fähigkeit. Auch das immer schon ehr-furchteinflößende Meer, seine Stürme, Monster, Tiefen und sein giftgleiches Wasser liegt fern von Thüringen, Franken, Sachsen, Böhmen und Schlesien, wo der Brauch des Todesaustrieb beobachtet werden konnte. Es ist jedoch bekannt, dass die Intellektuellen des Mittelalters das Wasser als Hort des Miasmen und der Krankheiten zu erkannt haben glaubten, was durch den späteren Einzug der Syphillis zu einer Prophezeiung wurde.

Ist es wahrscheinlich, daß diese damals top-aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse innerhalb kurzer Zeit Einfluß auf die Riten bäuerlicher Gesellschaften nahmen? Es erscheint wenig plausibel, sind doch solche zaubrischen Bräuche gerade durch ihre Unwandelbarkeit legitimiert – natürlich könnte eine These sein, daß das Ende des Todesaustriebrituals mit seiner Verwässerung und zeitgeistigen Umgestaltung eingeleitet wurde. Eine Ironie, daß unter solcher Annahme ein heute archaisch und magisch anmutendes, aber zweifelsfrei aufklärerisch motiviertes Wissenschaftsdenken dennoch das ursprüngliche magische Denken zu Fall brachte.

Spannender ist eine Überlegung zur Rolle des Wassers in der europäischen Todesvorstellung. Zuerst kommt die Flüsse der griechischen Unterwelt, Archeron, Styx et cetera, in den Sinn, die Grenze zwischen lebendiger und toter Welt waren. Solche Vorstellungen sind weit verbreitet, so auch im nordisch-germanischen Kulturraum: Im Harbarthsljoth, einem Gedicht aus der Lieder-Edda, queren zwei Götter den Grenzfluß zwischen der Sphäre der Riesen und jener der Götter. Es liegt nahe, daß auch zwischen den anderen Welten unter Yggdrasils Schatten Grenzflüsse verlaufen. Hier zeigt sich, daß das Werfen des Todes ins Wasser nicht eigentlich mit dem Todesidol, sondern mit dem Sterben und der Jenseitsreise verbunden sein könnte. Dieses Motiv ist ein ohnehin ein häufiges, siehe zum Beispiel Caspar David Friedrichs Lebensstufen oder Goethes Wilhelm Meister.Wilhelms Wiedererweckung und Vervollkommenung des ertrunken Sohnes durch seine zur Heilkunde transzendierten Medizin schließt den Kreis des Lebens sogar wieder

Was nun schließlich die wahre Rolle des Wassers bei diesem Ritual war, ist unserem Wissen natürlich auf immer entrückt. Daher schließe ich mit einem Verweis auf Achim von Arnims Kronenwächter, wo während des in Waiblingen stattfindenden Rituals, bei dem der Tod in die Rems geworfen wird, der Sohn des Hohenstauferabkömmlings Berthold geboren wird und vom diesem als Christusabbild in der Badewanne angebetet wird, während ihm Tränen über die Wangen ringen – es scheint fast, als hätte Arnim die Verquickung von Wasser, Tod und Leben hier durch die gleichzeitige Verbindung von Wasser mit dem Todesideal und dem Neugeborenen ganzheitlich darstellen wollen.

So viel Blätter an dem Strauß,
So viel Kinder in dein Haus,
Wünschet dir die Engelschar.

Gedicht der den Tod austreibenden Knaben, Achim von Arnim (1781–1831): Die Kronenwächter (1817)